Drecksjob

Ein Mädchen verliebt sich in seinen Reitlehrer, später geht es für ihn anschaffen: Katharina M.s Geschichte zeigt eindrücklich, dass Prostitution kein Geschäft wie andere ist, auch wenn es »freiwillig« erfolgt.

Mit zehn kam Katharina auf den Reithof, der ihre Zuflucht werden sollte: Zuflucht vor den Eltern, mit denen es ihr nicht gut ging. Sie kam aus einer gutbürgerlichen Familie, der Vater war Anwalt, die Mutter Lehrerin und Hausfrau, die sich um die vier Kinder kümmerte. Für Katharina aber stimmte vieles nicht, sie wurde magersüchtig, ritzte sich, schottete sich von der Familie ab.

In diese Kerbe schlug der Reitlehrer, der 35 Jahre älter als sie war, dabei so anders als die Eltern, ihr mit Verständnis begegnete, sie umwarb, verführte und bald ihre große Liebe wurde. Er würde sich scheiden lassen von seiner Frau, sie würden sich ein gemeinsames Leben aufbauen, einen wunderbaren neuen Reitstall haben, ein schönes Zuhause, weit weg von ihrer Familie.

 

Anschaffen für die gemeinsame Zukunft

Nur Geld brauchten sie dafür, und am besten würde das mit Prostitution gehen – langsam, aber konsequent führte der Reitlehrer die Jugendliche an dieses Thema heran. Nur ein Jahr müsste sie das tun, das würde schon reichen, damit sie beide sich ihren gemeinsamen Traum erfüllen könnten.

Katharina war noch nicht volljährig, als sie damit begann. Sie fand das Anschaffen zwar furchtbar, wollte aber auf keinen Fall zurück zu ihrer Familie, versteckte sich tagelang im Wald, um nicht von der Polizei gefunden zu werden, ging dann wieder arbeiten in verschiedenen Bordellen. 20 Freier pro Schicht, manchmal mehr, widerliche, ungeduschte Kerle, denen es nicht nur um Sex ging, sondern um Demütigung, darum, für ihr Geld alles zu bekommen, was sie wollten. Katharina ließ alles mit sich machen, es würde ja nur ein Jahr sein, dann würde sie ein neues Leben beginnen mit dem Mann, den sie liebte.

 

Abhängig von ihrem König

Am Ende waren es elf Jahre. Sie trank, weil das Trinken zum Geschäft gehörte, vor allem aber, weil es nüchtern nicht auszuhalten war. Ihr Zuhälter vergewaltigte sie und prügelte sie krankenhausreif, aber sie kehrte immer wieder zu ihm zurück. Sie ging nicht mehr nach draußen, hatte zu niemandem Kontakt, arbeitete nur, schlief kaum, war wie in Trance, wusste manchmal kaum, welche Jahreszeit gerade war. Die Türen waren nicht verschlossen, gehen konnte sie dennoch nicht, das Gefängnis war in ihrem Kopf, und aus dem kam sie nicht heraus. Auch wenn das schwer zu verstehen ist: Leider kann das Gehirn so funktionieren.

Als Katharina Mitte 20 war, spielte ihr Körper nicht mehr mit. Der Alkohol hatte ihre Leber schon fast zerstört. Der Zuhälter wollte aber nicht, dass sie in eine Klinik ging – und es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis sie den Entzug schaffen, sich von dem Kerl lösen, mit Hilfe von Klinikaufenthalten und aufwühlenden Therapien in ein anderes Leben finden würde.

Ihre Herkunft machte den Unterschied – ein Glück, das viele Prostituierte nicht haben: eine frühere Lehrerin, die sich um sie kümmerte; und ihre Familie, die immer nach ihr suchte, sie aus den Bordellen herausholen wollte, ihr schließlich die Rückkehr in ein bürgerliches Leben ermöglichte – trotz all der Probleme, vor denen Katharina weggelaufen war.

 

Gehirnwäsche durch den Lover Boy

In »Schneewittchen und der böse König« erzählt sie ihre Geschichte, gemeinsam mit der Spiegel-Reporterin Barbara Schmid. Grundlage der Rekonstruktion sind die Tagebücher des Teenagers und die Gerichtsakten, mit denen sich Schmid auseinandergesetzt hat. Diese Akten gibt es, weil Katharina schließlich doch Anzeige gegen ihren Zuhälter erstattete und ihre Vorwürfe nicht mehr zurücknahm. Er wurde zu einer Haftstrafe von neun Jahren verurteilt.

Katharina M. ist nicht die erste, die eine solche Lover Boy-Geschichte erzählt. Jede dieser Geschichten ist wichtig, weil mit ihnen betroffene Frauen zu Wort kommen und sie sich mit ihnen, zumindest ein Stück weit, ihr Leben zurückholen. Katharinas Geschichte gehört zudem zu denen, die deutlich machen, wie heikel im Kontext der Prostitution das Wort »freiwillig« ist; und wie schwierig es für Polizei und Gerichte ist, damit umzugehen. Ebenso für die Familie und die Freunde: Es war offensichtlich, dass Katharina ausgebeutet und betrogen wurde – es war offensichtlich für jeden, nur nicht für sie. Die Manipulation, die Gehirnwäsche wirkte bei der Erwachsenen weiter, die der Reitlehrer bei dem Kind begonnen hatte.

 

Die Fragwürdigkeit des freien Willens

Ihr Buch diskutiert nicht die Frage, wie Gesellschaft und Politik mit Prostitution umgehen sollten, nimmt auch nicht die Freier ins Visier, die dieses Business so lukrativ machen. Es erzählt vielmehr »nur« Katharinas Geschichte. Dabei zeigt es aber sehr deutlich, dass Prostitution kein Job, keine Dienstleistung wie andere ist. Es ist vielmehr eine ekelhafte, demütigende, lebens- und gesundheitszerstörende Arbeit, ein Drecksjob, den allzu viele schönreden. Freier sind oft Widerlinge, die Menschenrechte mit Füßen treten. Genau darum geht es: Nicht um lustfeindliche Spießermoral, sondern um Menschenrechte.

Katharina M. und Barbara Schmid: Schneewittchen und der böse König. April 2020, mvg Verlag, 272 Seiten, 16,99 Euro

 

 

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