Unberührbar

Erst Bob Dylan, der keine Lust auf die Ehrung hatte, dann die Skandale um das Komitee und jetzt der Streit um Peter Handke: Der Literaturnobelpreis hatte schon bessere Tage, löst aber interessante Fragen aus.

Ein Schriftsteller steht zur Debatte, der die Nähe zu Slobodan Milošević gesucht, der Kriegsverbrechen verharmlost und geleugnet hat – überrascht kann das Nobelpreis-Komitee nicht von der internationalen Empörung sein: Handkes politische Einlassungen wurden schon früher diskutiert, etwa als ihm der Düsseldorfer Heinrich Heine-Preis zugesprochen werden sollte. Damals war der Schriftsteller so freundlich, das Problem zu lösen, indem er den Preis nicht annahm. Dieses Mal ist er nicht so entgegenkommend. Es sieht so aus, als ob er den Nobelpreis haben will.

Für die Debatte um die Entscheidung des Komitees gibt es gute Gründe, aber die Diskussionen erscheinen seltsam inkonsequent. Wenn man Peter Handke kritisch sieht, kann man dann Martin Luther als den großen Reformator feiern? Einen Autor, bei dem man nicht einmal zwischen Leben und Werk trennen muss, schließlich hat er seine antisemitischen Ansichten dezidiert zu Papier gebracht. Soll das keine Rolle spielen, nur weil er lange schon tot ist: Soll sein Antisemitismus, soll seine Judenverachtung durch den historischen Kontext entschärft sein, während seine Lehren überzeitlich sind?

Was ist mit Jean-Jacques Rousseau, der so schön über Erziehung schrieb und seine Kinder ins Waisenhaus brachte, obwohl er wusste, was ihnen dort drohte? Was mit Woody Allen, der Nacktfotos von der Adoptivtochter seiner Frau hatte und das Adoptivkind schließlich heiratete – soll man ihn trotzdem als Künstler feiern?

 

Facetten eines Feingeists

Kann man zwischen Werk und Autor trennen – muss man das nicht sogar? Angesagt ist es aktuell jedenfalls nicht, ein literarisches Werk mit moralischen Maßstäben zu messen. Peter Handke hat sich zu Serbien geäußert, von dem, was in den Köpfen mancher seiner Kolleg_innen verborgen sein mag, weiß man dagegen nichts. Vielleicht entpuppt sich der eine oder andere als Marquis de Sade, vielleicht als Faschist, vielleicht, wie Nobelpreisträger Günter Grass, als ehemaliges SS-Mitglied. Was bedeutet das für sein Werk und dessen Rezeption – ist mit dem jahrzehntelangen Verschweigen dieser SS-Mitgliedschaft sein Werk diskreditiert? Oder: Darf ein Landschaftsbild Emil Noldes, der sich den Nazis angedient hat, im Kanzleramt hängen?

Die Trennung von Kunst und Person, auf die manche Kritiker_innen pochen, ist beides: sinnvoll und zugleich unmöglich. Man muss das Werk vom Künstler trennen und kann es doch nicht. Oder anders gesagt: Zumindest wird das sehr unterschiedlich gehandhabt.

Die Nobelpreis-Ehrung und das Preisgeld von rund 830.000 Euro gehen aber schließlich nicht ans Werk, sondern in diesem Jahr an einen Autor, der von Kriegsverbrechen nichts wissen will. An einen Feingeist, der aufmerksam, reflektiert, sensibel mit Sprache umgeht – sich aber wütend und unberührbar gibt, wenn es um die Menschen geht, die in den Kriegen des ehemaligen Jugoslawien so viel verloren haben. Das zumindest müsste man von Handke erwarten können: dass er zuhört, dass er sich berühren lässt von dem, was andere mit guten Gründen sagen.

 

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