Lust auf Freiheit

Dieses Buch wollte Annie Ernaux unbedingt noch schreiben – und jetzt ist es geglückt: eine Reflexion über Sexualität und Gewalt, Freiheit und Selbstvernichtung.

Annie Ernaux gehört zu den erfolgreichsten französischen Schriftstellerinnen, diesen Text aber konnte sie lange nicht schreiben – auch wenn es ihr gerade auf ihn ankam: als ob alle anderen Titel nicht zählen würden. Versucht hatte sie es vorher schon, aber nach 50 Seiten abgebrochen. Auch jetzt ist das Buch nicht umfangreich geworden, aber dieses Mal hat sie es beendet: Die Erinnerung an den Spätsommer 1958, als sie Betreuerin in einer Ferienkolonie war und 18 wurde.

Damals war sie zum ersten Mal richtig weg von zu Hause, fühlte sich frei, wollte das Leben ausprobieren – und H. wollte es tatsächlich mit ihr tun. Doch noch Jahrzehnte später fühlt sich das erste Mal verstörend und beschämend an.

Eine Vergewaltigung war es nicht, betont die Autorin: Annie wollte mit H. ins Bett, sagte während der ganzen Prozedur nicht nein, redete sich ein, dass alles gut ist, konnte nur nicht fassen, dass er sie später nicht mehr beachtete. Sie bot sich anderen in der Ferienkolonie an, wollte es mit jedem machen, merkte nicht, dass die anderen sie verspotteten, sie verachteten, mit ihr nichts zu tun haben wollten. Merkte es doch. Verstand weder sich noch die anderen.

 

Der Sinn des Schreibens

Was tat sie sich damals selbst an? Warum war das erste Mal so sehr verstörend? Inwiefern war es der Auslöser oder sogar der Grund dafür, dass Annie Ernaux Schriftstellerin wurde?

Diesen Fragen will sie mit dem Buch auf den Grund gehen: indem sie sich an das Mädchen von damals erinnert; indem sie seine Briefe und sein Tagebuch liest; indem sie das Mädchen in seine Zeit einbettet. Abgeschirmt und katholisch wuchs es auf, beschützt, mehr noch: bewacht von der Mutter. Jungen waren Aliens, Kontakt gab es nicht.

Sexualität erschien Annie als etwas unfassbar Spektakuläres. Sie stilisierte das erste Mal zu einem Befreiungsmythos, zugleich war es ein Vorgang, über den sie nichts wusste – kurz nachdem Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht geschrieben hatte; in einer Zeit, als Frankreich junge Männer nach Algerien schickte und den Krieg dort ebenfalls verklärte.

Simone de Beauvoirs These, dass die erste Penetration immer eine Vergewaltigung sei, will Ernaux nicht für sich bestätigen, eben weil sie nicht nein gesagt habe. Und doch vermittelt Erinnerung eines Mädchens genau das: die Erfahrung von Gewalt, den Eindruck einer tiefen Verstörung.

 

Die Bedeutung von Sexualität

Wie sie diesen Widerspruch aufzulösen sucht, ist das Besondere dieses Buchs. Ernaux hält Distanz zu dem Mädchen von damals und kommt ihm doch nahe, bis sie es schließlich als eine frühere Version ihrer selbst erleben, ihm vielleicht sogar vergeben kann, was es sich damals antat: freiwillig und doch ferngesteuert – in dieser Teenager-Mischung aus Anpassung und Rebellion.

Dabei ist der schmale Band beides: ein Stück Autobiographie und eine Momentaufnahme des Jahres 1958, als Frauen deutlich weniger Spielraum hatten als Männer und der Umgang mit Sexualität bizarr war, nicht nur in der Fixierung auf die Jungfräulichkeit – das, was heute vor allem im Kontext des Islam diskutiert wird, ist auch in westlichen Gesellschaften noch nicht allzu lange her.

Erinnerung eines Mädchens ist ein lesenswertes Memoir – und mehr: Der schmale Band regt an, über kulturelle Bedeutungen von Sexualität nachzudenken. Auch darüber, wie wir heute mit ihr umgehen, sei es einengend grausam oder mit einer Lässigkeit, die allzu oft ebenfalls bizarr erscheint.

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Übersetzt von Sonja Finck. Oktober 2018, Suhrkamp, 163 Seiten, 20 Euro

 

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