Alles ist Politik

Umstritten, bewegend, nachdenkenswert: Werke von Ai Weiwei sind in Düsseldorf zu sehen, die Kunst und Politik eng verbinden. Für die, die es nicht in die Ausstellung schaffen, ist der Katalog eine Alternative. 

Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Zum Beispiel: Sunflower Seeds, 60 Millionen Sonnenblumenkerne aus Porzellan, jeder einzelne handgefertigt, hergestellt von 1.600 Kunsthandwerker*innen in zweieinhalb Jahren. Oder Straight, Eisenstäbe in 142 Transportkisten, 164 Tonnen Armierungsstahl.

»Alles ist Kunst, alles ist Politik«: Ai Weiwei will sich mit seinen Werken einmischen, provozieren, herausfordern, anklagen und erntet mit ihnen neben Zustimmung auch Kritik. In der FAZ etwa bezeichnet der Blogger Airen ihn als Künstler mit dem Prädikat »Aktivist und Dissident«, der kein Unrecht auslässt, mit dem er sich solidarisieren kann – Ai Weiwei als eine Art künstlerische Weltpolizei, zuständig für die ganz großen Themen.

 

Künstlerische Weltpolizei?

Die Sonnenblumenkerne verweisen auf Mao, der in der Staatspropaganda als Sonne dargestellt wurde – die Bevölkerung sollte sich nach ihm ausrichten, wie es die Sonnenblume nach der Sonne tut.

Die 142 Transportkisten verweisen auf das Erdbeben von 2008 in der chinesischen Provinz Sichuan, auf Korruption und Schlamperei, die mit dafür verantwortlich waren, dass Schulgebäude einstürzten. Die Eisenstäbe in den Kisten, die natürlich nicht zufällig wie Särge anmuten, stammen aus dem Schutt der Schulgebäude und erinnern an die 5.000 Kinder, die starben. Insgesamt kamen bei dem Erdbeben 70.000 Menschen ums Leben.

 

Klaustrophobische Eisenkisten

Nach den Recherchen in Sichuan, die Behörden und Politikern nicht passten, wurde Ai Weiwei im April 2011 am Flughafen von Bejing verhaftet und 81 Tage ohne Anklage an einem unbekannten Ort festgehalten. Was er erlebte, ist an der zweiten Düsseldorfer Ausstellungsstätte zu sehen, dem K21: Zwei Männer wichen nicht von seiner Seite, rückten ihm auf die Pelle, Tag für Tag, Nacht für Nacht, gönnten ihm nicht einmal den Luxus der Einsamkeit – weiße Folter, die keine sichtbaren physischen Spuren hinterlässt.

Seine Hafterfahrungen sind in S.A.C.R.E.D. dargestellt: sechs Eisenkisten, in die man durch kleine Fenster hineinsehen kann. Es sind realistische Darstellungen der Haftsituation: Der Künstler ist deutlich zu erkennen, angekettet auf einem Stuhl oder liegend auf einer Pritsche, während die beiden Bewacher neben ihm stehen, ihm beim Schlafen oder Meditieren im Blick behalten.

 

Plädoyers für Menschlichkeit

Im K21 sind auch die Werke von Ai Weiweis großem aktuellen Thema ausgestellt: Flucht. Zum Beispiel Laundromat: 2.046 zurückgebliebene Kleidungsstücke aus dem Übergangslager Idomeni, gewaschen, gebügelt, auf Kleiderstangen aufgereiht wie in einem Kaufhaus. Oder Life Circle, 17 Meter lange Bambusskulptur eines mit 110 Passagieren dicht besetzten Schlauchboots. Auch hier ist die Botschaften klar erkennbar.

Zwei Aspekte vor allem machen die Ausstellung interessant: Sie zwingt dazu, über den Sinn und Unsinn von Kunst, Kunstbetrieb und Kunstkonsum nachzudenken. Und – aller Kritik zum Trotz: Die Werke drängen auf die Reflexion von Menschlichkeit.

Susanne Gaensheimer, Doris Krystof, Falk Wolf (Hg.): Ai Weiwei. Juni 2019, Prestel, 256 Seiten, 45 Euro

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